Vom Sklaven zum Sozialversicherten

 
 

 

Die Geschichte von  Kray und Leithe,  

heute 

Vororte von Essen    

   

Der Hellweg am Bremberg

   Kray-Leithe war, wenn man einen neuen Ausdruck benutzen will, schon früh durch einen Fernweg erschlossen. Denn durch die Bauernschaft führte der alte Hellweg, der für Wanderer oder Reiter aus dem Weserraum und aus dem Osten von Dortmund nach Duisburg führte. 

   In Kray-Leithe erinnert der Weg "Im Helf" an den Hellweg.

Im Helf liegen der Köllmanns und dahinter der Schaepershof, die heute beide von den Ridders bewirtschaftet werden. Auf dem Foto sieht man hinten den Köllmannshof. Links liegt das Gewerbegebiet Adlerstraße auf dem ehemaligen Gelände der Zeche Centrum. Auf der rechten Seite findet sich noch der Reickshof.  Der Weg führt um das Gewerbegebiet Adlerstrasse herum bis zur Lahnbeckestrasse, die zur Rodenseelstrasse zurück führt.  

   Im Helf kommt von Hellwegshof, dessen Hofgebäude  in Bochum-Stalleicken erhalten geblieben ist und als Heimatmuseum dient.  

   Später führte ein zweiter Zweig des Hellwegs durch die Bauernschaft Freisenbruch. Beide Wege wurden Jahrhunderte nebeneinander benutzt und sind in der Güßfelder Karte von 1776 eingezeichnet.   

   Der Hellweg führte über den Bremberg, nach dem heute noch die Straßen 'Zu den Brembergskotten' und 'Am Bremberg' erinnern, genau wie die Brembergschule, früher eine Volksschule mit getrennten Schulhöfen für katholische und evangelische Kinder mit dem Hausmeister Herrn Pepineger und dessen rätselhafter Namen zum Nachdenken anregte. Heute werden die Gebäude der Brembergschule als Zweig der Gesamtschule genutzt. 

    Bevor sich der Name Bremberg einbürgerte, konnte man in der Karte die Bezeichnung Brenngenburg finden. Dabei wurde Burg und Berg oft austauschbar benutzt, denn die Burgen wurden aus Verteidigungsgründen gerne oben auf Bergen oder Hügeln errichtet. 

    Von einer Burg auf dem Bremberg ist aber nichts bekannt. Das Gen aus der Bezeichung Brenngenburg steht dabei vermutlich für das, was wir heute mit chen oder ken bezeichnen. Der Name könnte also aus Brennsteinkenberg zusammengezogen sein. 

    Alternativ könnte er sich auch als Pflanzenname gebildet haben, nämlich von Brombeersträuchern abgeleite werden. Aber die ältere Bezeichnung Brenngenburg spricht nicht dafür. 

   Bremberg ist eine Ortsbezeichnung,  die nicht so selten vorkommt. Auch die Isenburg über dem Baldeneysee liegt auf einem Bremberg im Essener Stadtteil Bredeney und ob es ein Brombeerberg oder Brennsteingenberg ist, darüber kann man auch hier grübeln. 

   Hoch über dem Baldeneysee lag die Isenburg später sogar in der Nähe zweier wichtiger Straßen: der von Norden über Essen und Werden gehenden Kölnischen Straße und am Hellweg von Rhein bei Duisburg über Essen nach Dortmund und dann weiter zur Weser.  

    Was könnte dieser sehr alte Name also bedeuten und warum findet er sich in der Nähe alter Handelswege, also am Hellweg und an der Kölnischen Straße?

     Es könnte eine sehr alte Ortsbezeichnung sein, die auf frühere Handelswege deutet, die lange vorm Bau der 1241/42 von Graf Dietrich von Altena-Isenburg angelegten Isenburg genutzt wurden.

   Eine sehr frühe Handelware aus dem Norden Europas war nämlich im Altertum der Bernstein und auf den weist die Silbe Brem, wie auch in Bremen hin. Im sechsten Jahrhundert nach Christus als der Hellweg noch durch Kray-Leithe ging, beschrieb der römische Senator Magnus Aurelius Cassiodorus, der als Sekretär für Kaiser Theodoricus tätig war, in einem Brief seines Königs an die Aestii, wie Bernsteinhändler aus Estland versuchen den Bernsteinhandel wieder zu beleben. Aber vergeblich.  

    Den Höhepunkt hatte der Bernsteinhandel wohl schon hinter sich. Siehe auch  Der Bernsteinhandel und die Kriegszüge der Germanen

   Warum?

   In der Bronzezeit brauchten die Germanen Zinn und Kupfer um die Bronze herzustellen. Beide Metalle mussten importiert und bezahlt werden. Als um 750 vor Christus das Eisen in Gebrauch kann, waren die Germanen auf Zinn und Kupfer nicht mehr angewiesen, weil die Bronze ihre Bedeutung verlor  und Eisen überall vorhanden war. Es könnte sein, dass dadurch geringerer Anreiz für den Handel bestand. Denn mit dem überall vorhandenen Eisen, konnte man jetzt Waffen herstellen, ohne auf Importware angewiesene zu sein. Auch Weihrauch für Kultushandlungen brauchte man noch nicht, denn noch verehrte man eigene Götter, mit weniger ausgefallenen Bedürfnissen. 

   Für die Herstellung von Kleidung wurden die Wolle der Schafe und Flachs für die Leinenherstellung genutzt. Felle spielten auch eine Rolle, besonders weil es bis zum 7. Jahrhundert nach Christus sehr kalt war. Vielleicht war der Sklavenhandel auch lukrativer geworden als der Bernsteinhandel, man weiss es nicht. Für die Ortsbezeichnungen an den Handelsrouten blieb jedenfalls der Bernstein bedeutender als andere Handelsgüter, vielleicht weil sie früher entstanden waren und sich schon eingebürgert hatten. 

    Der Name Kray, im slawischen in der Bedeutung von Heim, Heimat gebraucht, könnte aber von Wenden stammen, die über den Hellweg kamen. Ob sie aus freien Stücken über den Hellweg nach Westen wanderten oder ob sie auf dem Weg in Sklaverei entkommen konnten, darüber kann man nur spekulieren. Auf jeden Fall ist Kray ein Wort für Heimat in den wendischen (slawischen Sprachen), das sich in vielen  Ortsnamen und Begriffen wiederfindet. so in Ukraine, Kraina oder Armia Kraiowa, der polnischen Heimatarmee. 

    Aber auch wendische Stämme siedelten früher wesentlich weiter westlich und die wendische Sprache war verbreitet und wurde auch in Gegenden gesprochen, in denen sie heute ausgestorben ist. So soll Kaiser Otto neben deutsch auch wendisch gesprochen haben. In der Lausitz, um Berlin und im Wendland hat sich die wendische Sprache sehr lange gehalten und wurde als sorbisch in der DDR gefördert und wiederbelebt. Vielleicht um die Nähe zu den heute slawisch genannten Sprachen des damaligen Ostblocks zu betonen, für die früher die Bezeichnung wendisch oder windisch üblicher war.  

   In Kray-Leithe findet sich in der Ortsbezeichnung Bremberg eine Erinnerung an den Bernsteinhandel im Altertum und an den Hellweg, der vor der Errichtung der Burg Horst, heute in Essen-Horst gelegen, sicherer war, als der neue Verlauf des Hellwegs durch den Heissiwald in Bredeney über Königssteele und Steele, der vorher zu gefährlich war.

   Später hatte die Schachtanlage Deimelsberg hier den Wetterschacht „Am Bremberg“ und heute gibt es den KGV Bremberg Essen-Kray e. V. einen Klein- oder Schrebergarten Verein.

   Wo verlief also eine von vielen Routen des Bernsteinhandels von den Glaesaria, wie die Lateiner die Nordseeinseln nannten, nach Rom?

   Die Glaeseria nannten die Römer nach dem Wort Glaesum, das zuerst Bernstein bedeutete. Später wurde daraus  möglicherweise das Wort Glas. Und der Weg des Gläsums könnte über Bremen, das auch die Silbe Brem in seinem Namen trägt, und die Weser, Dortmund, Bochum, Wattenscheid, Kray-Leithe über den Bremberg in Höhe des des Volksgartens nach Rotthausen und dann mit der Langemarckstraße über den Schonnebecker Berg, dort wo heute das Restaurant Zum Kreuz liegt über den Salkenberg durch einen Hohlweg Richtung Viehhof? Dem späteren Hof für das Vieh der Abtissinnen des Stifts Essen. So beschrieben im Stoppenberger Kalender 2007.

    In Kray selbst steht an der Ecke Krayer Straße - Korthover Weg das Haus Hellwig. Ob der Name auf einen Erbauer zurückgeht oder auch eine Erinnerung an den Hellweg ist?

     Heute trifft sich im Haus Hellwig an der Krayer Straße 302 die Verbindung Frisia-Breslau,die auch eine Webseite hat. Die Frisia-Breslau wurde am 30.06.1901  als Technische Verbindung Frisia an der Staatlichen Baugewerkschule in Breslau gegründet und kam in der Nachkriegszeit nach Kray.

    Der Name Bremberg erinnert an noch vergangenere Zeiten, in denen der Bernstein die Menschen des Südens faszinierte. 

   Der Name Bernstein kommt von Brennstein auch Burnstein oder Burnstyn, denn es ist ein brennender Stein, der ja aus Baumharz entsteht und den man verbrennen kann. Ähnlich wie Weihrauch, ein anderes Baumharz, das gesammelt wird, wurde er von den Römern und im Orient als Räucherwerk und Schmuck genutzt. Für die Kelten und Germanen stand weniger die Durchsichtigkeit im Blickpunkt. Sie benannten das Glaesum nach seiner Brennbarkeit.

   Die Kelten sollen Bernstein sogar zum Heizen genutzt haben, vermutlich bis sie bemerkten, dass sich Einkünfte dadurch erzielen ließen. Danach wurde der brennende Stein, das Amber oder das Glaesum verkauft und Orte, die an den frühen Handelswegen lagen, bekamen oft Namen, die auf dieses Gut anspielten.

  Der Name Bremberg könnte sich also aus einer Ortsbezeichnung für einen Berg am Handelsweg für Brennsteine entwickelt haben. 

   Ob der Bernsteinhandel weniger wichtig wurde, weil der jedes Jahr neu sammelbare Weihrauch in Mode kam, so dass der Bernstein nur noch als Schmuck und nicht mehr als Räucherwerk genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Als Cassiodorus im 6ten Jahrhundert anno domini seinen Brief schrieb, scheint seine Rolle jedenfalls gering gewesen sein.   siehe Die Bernsteinroute der Sueben und Der Brenner & Tuisc Codex. Über die Bernsteinrouten und die teutsche Religion von Joannes Richter

 

   Während wir Im Helf einen heute wenig genutzten Teil des alten Hellwegs betrachten können und besonders am Feldweg von Im Helf zu den Wassertürmen  sehen können, wie schmal dieser Weg damals wohl war, haben wir an der Limbecker Straße in Essen einen heute noch genutzten Teil des Hellwegs vor uns, auf der im Mittelalter Waffen aus Steele und Tuche aus Kettwig und Werden angeboten wurden.

Die Marser

  Vor 2000 Jahren wurde Kray-Leithe von Sugambrern, die 2008 von den Römern verjagt wurden und dann von Marsern bewohnt, die ihr Heiligtum auf dem Stoppenberg, vielleicht aber auch auf dem Krayer Mechtenberg hatten. Die Marser waren den Römern aber auch nicht genehmer als die Sugambrer. 

  Über die Marser wissen wir von Tacitus, dass sie an der Varusschlacht teilgenommen hatten, die im Selbstbewusstsein der Römer vermutlich kräftige Kerben hinterließ. Deshalb wurden wurden die Marser im Jahre 14 während sie auf dem Stoppenberg ihrer Göttin Tanfana huldigten von den Römern die diese Chance nutzen wollten, angegriffen. Dazu  meinen manche auch, dass Tanfana ehr eine römische Bezeichnung wäre und dass sich auf dem Stoppenberg eine Irminsul oder Weltesche befunden hätte. Über die Lokalisierung des Tanfana Heiligtums der Marser berichtet Prof. Dr. Joseph Wormstall: Der Tempel der Tanfana. Ein altgermanisches Heiligtum in neuer Beleuchtung. Münster i.W. Verlag der Aschendorffschen Buchhandlung 1906

  Wie auch immer. Bei der Feier floss viel Alkohol und so waren die Marser den Römern nicht gewachsen und wurden laut Tacitus mit Frau und Kind vernichtet, worauf man damals sehr stolz war.

   Überlebende der geschlagenen Marser zogen dann aus ihrem Siedlungsgebiet zwischen Ruhr und Lippe in entferntere Gegenden. Die heutigen Orte Marsberg, Obermarsberg, Volkmarsen  und Marsdorf, heute zu Köln gehörig, werden von manchen als Niederlassungen der geflohenen Marser gesehen. 

   Andere Marser blieben vermutlich ansässig, denn man muss den Bericht der vollständigen Vernichtung der Feinde durch Germanicus bei Tacitus nicht für bare Münze nehmen. Er war zum Ruhme des Germanicus gedacht, der Cesar werden wollte. 

   Tatsächlich mussten sich die Römer ins Linksrheinische zurückziehen und es gelang ihnen nicht mehr, die rechtsrheinischen Germanenstämme zu unterwerfen.

    Der Stoppenberg ist aber nicht der einzige Berg, der als Heiligtum der Marser in Frage kommt. Auch der Mechtenberg auf Kray-Leithe Gebiet kommt in Frage und beantwortet könnte diese Frage wohl nur durch Grabungen werden, bei denen man vielleicht auf verlorene Waffen und Geräte der Parteien stoßen könnte. Aber das wurde noch nicht versucht. Sowenig wie nach anderen Hinterlassenschaften der Marser gesucht wurde. 

    Verwaltungsmäßig und vom Herrschaftssystem her gehörte das Gebiet von Kray-Leithe in der Folgezeit zum Brukterergau. Und zumindest eine Bruktererin ist uns namentlich bekannt. Sie heißt  Veleda und war die Seherin, die den Germanen den Sieg über die Römer beim Bataveraufstand um 69 nach Christus wahrsagte. Von ihrem Turm bei den Extersteinen oder aus der Veledahöhle im Sauerland könnte auch sie über den Hellweg nach Westen gekommen sein, wo sie den Aufstand gegen die Römer vorantrieb und die Stadt Köln und die Ubier vor der Vernichtung durch die Tenkterer rettete.

     Sich selbst rettete sie nicht. Sie endete als Sklavin der Römer. Obwohl sie nach Niederschlagung des Aufstands um  70 n. Chr. bei den Friedensverhandlungen eine wichtige Rolle spielte, wurde sie später bei einem Weiteren Aufstand wohl gefangengenommen. Von ihrem Schicksal berichtet eine Marmortafel, die in der alten Ardea, südlich von Rom, gefunden wurde. Sie berichtet von der Jungfrau Veleda, die bei den Rheinwassertrinkern verehrt wird und nun in der Gefangenschaft kehren und Bronzelampen putzen muss.  Bis auf diese Inschrift verliert sich die Spur Veledas in der Geschichte. Der Name Veleda wird heute von einer Firma für anthroposophische Arzeneimittel gesucht und in Köln und in Essen-Mitte erinnern zwei kleine Straßen an die bekannte Bruktererin.

     Putzfrau bei den Römern war nicht das schlimmste Schicksal, das versklavte Brukterer ereilte. Andere mussten als Gladiatoren in den römischen Theatern gegen wilde Tiere kämpfen und ihr Leben lassen. Besser ging es denen, als Sänftenträger und Wachleute bei reichen Römern unterkamen. Für diese Arbeiten waren sie beliebt, weil sie sich mangels Sprachverständnis wenig in Innerrömischen Angelegenheiten Partei nahmen und keine eigenen Ziele verfochten. So war ihre Treue zu ihren Haltern gerühmt.  

     Schon aus römischer Zeit ist ein Sklavenhändler namentlich bekannt, der auf seiner Geschäftsreise nach Germanien das zeitlich segnete. Sein Grabstein findet sich im Römisch-Germanischen Museum und dort heißt es: 

Gaius Aiacius

 Sohn des Publius 

Sklavenhändler aus dem Stimmbezirk Stellatina,

 liegt hier begraben

Lebe wohl Aiacius 

   Vielleicht weil er in der Fremde starb und der Grabsein vielleicht nicht von seinen Verwandten gesetzt wurde, wurde hier der wohl schon damals wenig Ruhm verheissende Beruf auf Stein verewigt.     

    Ansonsten sind Grabschriften mit der Berufsangabe Sklavenhändler selten, obwohl dieses Exportprodukt des Nordens für den Fernhandel so wichtig war. 

    Was hatten unsere Vorfahren damals an materieller Kultur? Ihre Häuser waren nicht aus Stein. Sie hatten keine Fenster aus Glas. Es gab Getreide, wie die Gerste, und Vieh, namentlich Pferde, Rinder und Schafe, die schon die Indogermanen kannten. Es gab Schweine, die in Wäldern nach Eicheln und Bucheckern suchten. Das Eickenscheider Wäldchen war wahrscheinlich noch ein Wald. Getrunken wurde Met, eine Art Honigwein, für den man den Bienen den Honig abnehmen musste, der auch bei den konkurrierenden Bären sehr beliebt war. Honig und Wachs der Bienen waren kostbar. Und es gab auch schon ein Bier, obwohl der Hopfen als Bierwürze noch nicht bekannt war. Das Bier wurde Äl genannt, ein Wort, das mit dem schwedischen Öl für Bier verwandt sein soll und mit dem englischen Ale.   

     Bis zum 7.Jahrundert war es kalt in Europa. Die Menschen froren, waren damit beschäftigt, den Winter zu überleben. Dann kamen einige Jahrhunderte der Klimaerwärmung. Der im 7.Jahrhundert von den Sachsen eroberte Brukterergau brachte viele Bauern vom Hellweg in die Untertänigkeit der sächsischen Adeligen und sie wurden ihnen zinspflichtig. Mit Zins wurde damals nicht die Verzinsung von Darlehn bezeichnet, sondern die Abgaben auf Ländereien, die meist in Naturalien beglichen wurden, denn Geld hatten die Menschen nur sehr selten.

   Im 8. Jahrhundert kam es dann aber schlimmer. Es begannen die die Eroberungszüge der Franken unter Karl dem Großen, dem es schließlich gelang, die Bewohner des Brukterergaus zu unterwerfen.    

   Ihre Bekehrung leitete das im Jahre 802 geschaffene Kloster Werden in die Wege. Auch die Franken waren mit den kalten Wintern der letzen Eiszeit schlecht zurecht gekommen. In der Eifel liegen liegen die Orte mit der Endung Heim, in denen man fränkische Gründungen vermutet, an Wind geschützten Stellen. Denn mit den offenen Feuerstellen, die keinen Kamin, sondern einen primitiven Rauchfang hatten, konnte die Behausungen nicht warm bekommen werden. In kalten Wintern war es sie, wie für die Marser, schwer zu überleben.   

  Karl der Große war ein Franke aus der Eifel, dessen Vorfahren sich mit dem Bischof von Rom verbündet hatte. Ein Bündnis, das es in sich hatte und die Machtverhältnisse zwischen Ruhr und Emscher für die nächsten Jahrhunderte prägen sollte.

Franken, Paepste, Kammerknechte

   Als die Karolinger die Merowinger beerben wollten, hatten sie das Problem, dass sie ihre Herrschaft irgendwie begründen mussten. Denn die Karolinger waren ja keine legitimen Nachfahren der Merowinger, sondern stammten aus einer nicht ehelichen Nebenlinie und von den Hausmeiern der Merowinger ab und gewählt waren sie auch nicht. 

   Ein ähnliches Problem hatte der Bischof von Westrom, der auch hoch hinaus wollte und als Papst Anerkennung suchte.

   Denn die Spitze des römischen Reichs war ja von Trier nach Ostrom, ins spätere Konstantinopel und heutige Istanbul umgezogen und mit dem Hof die Kirchenoberen, die ja weiter in der Hauptstadt des römischen Reiches herrschen wollten und nicht in einem Provinznest, zu dem Westrom, also das heutige italienische Rom  geworden war. In heute italienischen Rom saßen nur noch unbedeutende Provinzbischöfe, die mit ihrer Position recht unzufrieden waren. 

   Die Bischöfe von Westrom und die Karolinger  schlossen also einen Pakt. Der Bischof bestätigte die Gottgewolltheit ihres Königtums. Gewählt waren die Karolinger ja nicht. Aber durch diese Vereinbarung sozusagen ein König von Gottes Gnaden. Dafür revanchierten sich die Karolinger indem sie versprachen, den Bischof von Rom als Papst und obersten Kirchenfürsten anzuerkennen und für viele Abgaben zahlende Gläubige zu sorgen. 

   Die Franken selbst waren ja nicht so viele. Aber es gab ja die sächsischen und wendischen Stamme, die ziemlich durcheinander siedelten. 

   Möglicherweise über den damals noch durch Kray-Leithe verlaufenden Hellweg dringen die Franken unter  Karl dem Großen ins sächsische Gebiet und zwingen die Eroberten Christen zu werden und bei allen wichtigen Ereignissen an die neugegründeten Kirchen Abgaben zu zahlen. Bei Taufe, Heirat und sogar beim Tod, denn nicht mal unter die Erde darf man als Christ ohne dafür zu bezahlen. Frei von diesem Zwang bleiben die Angehörigen einer Mutterreligion des Christentums, die sich auch nicht Taufen lassen müssen. Sie sind wie Samuel S. Blumenfeld in seiner Biographie des Raschi auf Seite 139  schreibt, Geistlichen, Edelleuten und Vasallen des Königs gleichgestellt. Siehe Anthologie von Simon Novek, herausgegeben 1972 im Flamberg Verlag Zuerich 

   Für die anderen werden dauernd Abgaben fällig. 

   Jeden Sonntag muss man in der Kirche erscheinen und sich die neuesten Vorschriften und Drohungen mit Höllenqualen anhören. Und auch dabei wird wieder gesammelt und zwar in der Laurentiuskirche in Steele, die für die Bauernschaft zuständig ist und schon in der zweiten Hälfte des 11ten Jahrhunderts als Filiale des Stifts Essen erwähnt wird. 

   Die Laurentiuskirche ist ursprünglich wohl eine Gründung des Stifts Essen. Reiche Privatleute aber natürlich auch Stifte können nämlich sogenannte Eigenkirchen errichten. Und die umliegenden Eingesessenen müssen sie aufsuchen und dort die entsprechenden Abgaben zahlen. Es herrscht nämlich der Pfarrzwang, was bedeutet, dass man einer Pfarre angehören und dort zahlen muss. Davon ausgenommen sind Adel, Klerus und Kammerknechte, die sozusagen als Kirchenbesitzer, Bedienstet und Steuereinnehmer von diesem Unternehmen profitieren. Sie haben auch weitere Vorteile. So unterliegen sie in der Regel nicht der Folter und der Gerichtsbarkeit von Vögten und Klerus  

    Von den Einnahmen der Pfarre geht ein Teil an den Priester für seinen Unterhalt, ein Teil soll dem Erhalt des Kirchengebäudes dienen, ein Teil geht an den Eigentümer der Kirche und ein Teil an die Kirche als Institution, also nach Rom. Die Gründung einer Eigenkirche ist also eine Investition und gleichzeitig eine Pfründe, die einem zu versorgenden Verwandten ein Einkommen sichert, denn der Eigentümer der Eigenkirche darf selbst den dort amtierenden Priester bestimmen. So entstehen viele Kirchen. Es gab damals 30 Sakramente, für die bezahlt werden musste nicht nur 7 wie heute. Auch die sogenannten Gottesurteil gehören dazu, dem sich nur die Christen unterziehen müssen, obwohl es sich eigentlich um ein heidnische Zeremonien handelt.    

   Auch Ablässe können erworben werden, um die Zeit, die man seiner Sünden wegen im Fegefeuer verbringen muss, zu verkürzen. Eine weitere Möglichkeit an das Geld eingeschüchterter  Gläubiger zu kommen. 

    Durch die Durchsetzung des Zölibats fallen auch die Erbschaften reicher Pfarrer zwangsweise an die Kirche. Eine weitere Einnahmequelle, die das Vermögen der toten Hand genannt wird. Auch das Vermögen anderen kinderlos Verstorbener beanspruchte die Kirche oft zu Ungunsten von deren Verwandten. Besonders die Klöster bringen das Vermögen, der sich dort einkaufenden PfründnerInnen nach deren Tod an sich. Arme Frauen wurden im Kloster nicht Nonne sondern Laienschwester und müssen die körperlichen Arbeiten leisten. So bringt es die Kirche es bald zu einem stattlichen Vermögen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation erhält seine Macht. Bis seine, man ist versucht zu sagen Insassen, tatsächlich wurde Eingesessenen gebraucht, wieder mehr oder weniger in Selbstverwaltung leben konnten, soll viel Zeit vergehen. Noch im späteren Preussen zu dem Kray-Leithe erst im 19.ten Jahrhundert gehören soll, leben viele lutherische und katholische Christen in Hörig- und Abhängigkeit.

     Zwar versuchen die Schulten der Oberhöfe wie  Schulte-Herveling oder Eickenscheidt ihre Rechte erblich werden zu lassen, selber ihre Nachfolge zu regeln und weniger an das Stift abzuliefern. Aber tüchtigen Äbtissinnen wie Beatrix von Holte gelingt es immer wieder gegen zu steuern.   

    Die fränkische und sächsische Oberschicht vermischt sich, stellt über die unverheirateten Nachkommen die Kirchenoberen und genießt die Einnahmen, die Schultheisse und Kammerknechte bei den Eingesessenen für sie einziehen.

   Man kann sagen, dass sich Sachsen, Friesen und Wenden mit aller Kraft gegen die Christianisierung sträuben. Nur die Isländer übernahmen den neuen Glauben halbwegs freiwillig, nach einem Beschluss auf  dem Thing, ihrer noch funktionieren Versammlung, weil sie einen Bürgerkrieg fürchten. Sie sind die Einzigen.

   Die Höllenqualen wurden dabei zuerst weniger gefürchtet. Durchgesetzt wurde der neue Glaube mit roher Gewalt im Diesseits. Die Widerspenstigen hatten zwar eine gewisse Wahlfreiheit, so konnten sie zwischen Christianisierung und Verkauf in die Sklaverei wählen. Aber wie man sich vorstellen kann, ist das eine Wahl zwischen zwei sehr unangenehmen Möglichkeiten und nur die unschöne Alternative Sklaverei ließ die Menschen, wenn auch recht ungern, zum Strohhalm Christentum greifen.

    Schon 825 beklagt Erzbischof Agobard von Lyon, dass die durch den König privilegierten Fernhändler nicht bereit sind, die Sklaven wieder frei zu lassen, die sich angesichts ihres Schicksals doch noch entschliessen, Christen zu werden. Möglicherweise bildet sich damals schon ein Monopol heraus, denn angeblich soll Karl der Große den Christen den Handel mit christlichen Sklaven verboten haben. Zu dem Verbot des christlichen Sklavenhandels durch Karl dem Großen, der bei Wikipedia zu lesen war, konnte ich aber keinen weiteren Beleg finden. Es passt aber zu dem Verbot der Geldleihe, das für die Christen erlassen wurde, als sich die Geldwirtschaft entwickelte. Dieses Verbot war ja auch mit einem Monopol für die ehemaligen Fernhändler gekoppelt, die bei der Geldleihe so vor Konkurrenz geschützt waren und den Kirchenfürsten und Fürsten für dieses Privileg hohe Einnahmen zahlten.  

   Agobard von Lyon beklagt auch, dass Christen von den Fernhändlern an Muslime verkauft würden. 

     Näheres über den Sklavenhandel findet man in den Tagebüchern eines Sklavenhändlers, der ab 960 Reisen nach Mitteleuropa unternahm. Um 960 reist Ibrahim Ibn al Jaqub al Israili at-Turtuschi, auch Abraham ben Jacov genannt,  aus Andalusien in die Herkunftsorte der Sklaven und beschreibt diese Reisen in seinen Tagebücher. Er schildert Mitteleuropa noch weitgehend von Slawen bewohnt. Von den Ostseeländern, vor allem aus Mecklenburg, bezogen Händler wie er viele ihrer Sklaven. 

    Er berichtet, dass sie quer durch das schon christliche Deutschland über die Bernsteinstraße und entlang dem Hellweg zum Umschlagplatz Verdun geführt und von dort nach Andalusien gebracht werden. Abraham ben Jacov war ein Zeitgenosse Kaiser Ottos I. an dessen Hoftag in Quedlinburg er teilnimmt. Auch von Kaiser Otto I. weiss man, dass er neben deutsch auch wendisch sprach und dass die Wenden damals weiter westlich siedelten als heute. Ob auch der Name Kray, der in den wendisch/slawischen Sprachen Heimat bedeutet und eine häufige Ortsbezeichnung ist, wie im Fränkischen die Endung heim, auf eine frühe slawische Besiedelung hinweist, ist nicht bekannt. Auch Abraham ben Jacov berichtet von einer gemischten Besiedlung des bereisten Landes. 

    Durch ihn ist auch bekannt, dass Mainz am Fernhandel mit Gewürzen bis nach Indien und anderen Handelsgütern vermutlich Seide und Teppichen bis nach Samarkand teilnahm, was auch durch  entsprechende Münzfunde aus den Jahren 913 und 914 bestätigt wird.
     In seinem Bericht erscheint die verschollene Stadt Vineta in Mecklenburg als eine Kornkammer Konstantinopels, in der mit zwei jährlichen Ernten Weizen, Roggen und Hirse produziert wurde. So ist sein Bericht auch Beleg für das griechisch-orthodoxe Christentum der ersten slawischen Fürstentümer im Nordosten. 
    Seine Beschreibungen der aschkenasischen Gemeinden Mainz, Speyer und Worms in denen er sich bei Glaubensgenossen aufhielt, sind leider nur noch in Auszügen durch Abu Abdullah al-Bakri bekannt.
Nach Ibrahim ibn Jacup bei Wikipedia. Siehe auch: "Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert''. Ins Deutsche übertragen und mit Fußnoten versehen von Georg Jacob, Berlin, Leipzig 1927. Und 'Peter Engels: Der Reisebericht des Ibrahim ibn Ya'qub (961/966)'', in: Kaiserin Theophanu, Begegnung des Ostens und Westens um die Wende des ersten Jahrtausends, Bd. 1, hg. von Anton von Euw/Peter Schreiner, Köln 1991, S. 413-422. Viel geforscht zum mittelalterlichen Handel zwischen Ostsee und Prag hat auch J.Herrmann.

 

     

                

   Frei blieben nur Klerus, die Ungetauften, Adel und wenige Großgrundbesitzer und wenige Stämme, die sich vehement gegen Ritter, Priester und ihren Anhang wehrten, wie in der Freiheitsballade der Friesen zum Ausdruck kommt, nach deren Freiheitswillen sich die Frisia-Breslau 1901 nicht nur nach ihrem Gründungsort Breslau sondern Frisia genannnt hat. Sie wurde von Detlef von Lilienkron neu in Verse gefasst. 

PIDDER LÜNG
Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
schlägt mit der Faust auf den Eichentisch;
“Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt
und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
sollen sie Nasen und Ohren lassen,
und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav.
Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
steht Jürgen der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
“Der Obrigkeit helf ich, die Frevler zu packen,
in den Pfuhl das Wort:
Lewwer duad üs Slaav“
Gen Hörnum hat die Prunkbarke
den Schnabel gewetzt,
ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt,
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
und der Ritter, der Priester springen ans Land,
und waffenrasselnd hinter den beiden
entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
“Lewwer duad üs Slaav!“
 Die Knecht umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
über die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
“Lewwer duad üs Slaav!“
Der Ritter verneigt sich mit hämischen Hohn,
der Priester will anheben seien Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
und verbeugt sich noch einmal: “Ihr erlaubt,
daß wir euch stören bei eurem Essen,
bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
und euer Spruch ist ein Dreck:
“Lewwer duad üs Slaav!“
Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
“Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
und ob du sie wünscht, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
Lewwer duad üs Slaav!
„Bettelpack“, fährt ihn der Amtmann an,
und die Stirnader schwillt den geschienten Mann:
“Du frisst denen Grünkohl nicht eher auf,
als bis dein Geld hier liegt zu Hauf“.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und bücken
und verkriecht sich hinter dem Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
“Lewwer duad üs Slaav!“
Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an,
immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
“Nun geh an deine Trog, du Schwein“.
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnt´s von drinnen:
“Lewwer duad üs Slaav!“
Einen einzigen Sprung hat Pidder getan.
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran
und tauch ihm den Kopf ein und läßt ihn nicht frei,
bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei.
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
brüllt er, die Türen und Wände zittern,
das stolze Wort:
“Lewwer duad üs Slav!“
Der Priester liegt ohnmächtig ihm an Fuß,
die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
in den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng, doch, ehe sie ganz ihn verderben,
ruft noch einmal im Leben, im Sterben
sein Herrenwort: “Lewwer duad üs Slaav!“

 

   Die Frisia-Breslau,  die in der Nachkriegszeit nach Kray verlegt werden musste, und sich besonders der Völkerverständigung widmet, trifft sich heute in Haus Hellwig an der Krayer Straße 302. In dem Gedicht von Detlef von Liliencron, das ich auf ihrer Webseite gefunden habe, hat man die Möglichkeit auf die Bedeutung des Wortes Slave zurückzuschließen und sich zu überlegen, ob Wende nicht die bessere Bezeichnung wäre.   

    

  Die meisten Höfe der Bauernschaft Kray-Leithe müssen Abgaben zahlen. An das Kloster Werden, gegründet 802, an die Abtei Deutz, das Stift Essen und später ab das Stift  Stoppenberg. Das heißt, dass die Einwohner von Kray-Leithe die erwirtschafteten Vermögenswerte hauptsächlich zu Gunsten von Kirchenfürsten abgeben müssen.

   Deshalb tragen viele Höfe nicht nur ihre Eigennamen, sondern sind Schultenhöfe. Der Name Schulte kommt von Schultheiß und bedeutet, dass der jeweilige Schulte auch noch hieß, was Sache bzw. Recht war. Insbesondere hatte er aber die Abgaben einzuziehen.

   Und so gab es in der Bauernschaft Kray-Leithe die Höfe Schulte zum Alten Grimberg, Schulte Dülmann, Schulte Herveling, Eickenscheidt, Kölling, Kohlleppel, Ridder, der Schaeperhof, Mesenhohl, Beckmann und den Hof zu Isenfink auch Schulte-Ising genannt, heute an der Meistersingerstraße 76 gelegen und einige mehr.  Genaueres zum Hof Schulte Herveling hat die Familie Romberg recherchiert, die den Hof gekauft und renoviert hat und jetzt bewohnt. Der Name Herveling früher 1373 Herverdink soll von Höriger Heribert kommen. Zu Herverdink gehörte auch der Reicks Hof in Leithe.

   Dass es so viele Schulten gab, lag vermutlich daran, dass sie zu verschiedenen Herrschaften gehörten, das heißt, das an verschiedene Herren gezahlt werden musste. Der heutige Schaepershof war dabei der frühere Rodenseelhof, nach dem die Rodenseelstraße benannt, ist. Nach einem Besitzerwechsel hatte er den Namen gewechselt. Er wird heute von der Familie Ridder bewirtschaftet. Siehe auch  Craia und Lete, Kray und Leithe, Heimatgeschichten von Herbert Navrocik, 1988, Fahrsteiger der Zeche Bonifacius.

   

   Man erkennt die Machtverhältnisse in den alten Steuer Heberegistern der Abtei Werden. Im 10. Jahrhundert wurden noch ein Drittel der Klosterbauern als Freie bezeichnet. Ein Jahrhundert später sind sie verschwunden. Sie sind jetzt im niederen Adel aufgegangen. Nur ein paar bäuerliche Freie lassen noch später nachweisen. Meist  Nachkommen der fränkischen Kolonisten, die nach der Eroberung des Landes mit Staatsgut ausgestattet worden waren und sich auf den Besitzungen der vertriebenen Sachsen eingenistet hatten. Siehe auch Das Bochumer Land- und  Stoppelrecht von Dr. Höfgen

   Die Namen Frie, Friemann, Friedlings, Frank, Franke, Frenking,  deuten auf ihre Herkunft hin. Sippensiedlungen unter dem Namen Frielinghausen finden sich zahlreich am Hellweg und im Sauerland. Z. B. Frielinghausen bei Querenburg, bei Kamen, bei Gevelsberg, bei Plettenberg, bei Herzkamß und Frillendorf, der Nachbarort von Kray-Leithe, heute Essen-Frillendorf. Auch Frintrop heute Essen-Frintrop leiten seinen Namen von Dorf der Freien bzw. Freiendorf her. 

   Noch heute finden sich im Telefonbuch von Essen zwei Frenkings, sechs Frankes und drei Frielinge.

   Viele mit Nachnamen wie Frank, Frankel, Franken, Frenkel, Frankenberg und Frankenstein mussten nach 1933 die Stadt verlassen. Denn nicht nur die Franken nannten sich mit diesem Namen, der Freie bedeutet, und der deutlich auf einen anderen Status als den der unfreien Eingesessenen hinweist. 

   1668 gehörten laut Landmatrikel von Essen zur Bauernschaft Kray die Familien Elbert Lühnmann, Schulte zu Schönscheidt, Dietherich Haußmann, Cordt Schlypers, Trine Wittib Buterberg, Johann opn Berg, Georg Bertelik, Johann Dykmann, Dietherich Mechtenbergh, Dietherich Nettelenbusch, Henrich tho Kray, Johann Eikelenkamp, Claeß in der Wordt, Wirich Hattingk, Johann Ridder, Dietherich Beckmann und Dierich im Tempel. Dabei kommt Tempel von Timpe was Zipfel hieß. An diesen Hof erinnert die Gaststätte Tempelhof in Kray-Nord.  

 

 

  Der Nettelenbusch Hof hat seine Namen vom Nesselnbusch. Nessel von Brennessel. Er war der tiefliegendste Hof in Kray.

  Wichtig war auch der Oberhof Eickenscheidt. Nach dem Eickenscheidter Kiwitt, also dem Kibitzfeld, nach den vielen dort nistenden Kibitzen benannt, heißen heute die Kiwitt Straße und der Kiwitt Platz an der Krayer Straße in Kray-Süd.

   Eine mit Hatting bezeichnete Flur lag in der Nähe des heutigen Krayer Marktes.

   Mit dem Hof von Georg Bertelik könnte der Bartlingshof gemeint sein, auf dem später die Zeche Bonifacius errichtet wurde. 

    Zur Bauernschaft Leithe wurden die Familien Schulte zu Brüningh, Dieterich Strahmann, Wilhelm Tymann, Rudolf Klüfer, Johann Meesenhoel, Henrich Schulte zum Alten Grimberg, Hermann Schulte Dülmann, Schulte Herveling, Effert Rütter, Wittib Reicks, Johann Kohlleppel, Dietherich Köllmanns, Henrich Schäper, Peter Klumbeck und Johann Schulte-Ising gezählt.

    Das Gebäude Munscheidstraße 17 wurde zwichen 1850 und 1860 auf dem Gelände des ehemaligen Hofes Schulte Brüning gebaut. Heute befindet sich dort das Gartenlokal Athena. Der Hof wurde von Wilhelm Munscheid im Jahre 1896 gekauft und seit dieser Zeit nach ihm genannt. 1912 ging er in das Eigentum der Gemeinde Kray über, die das Gebäude umgebende Gelände in einen Volksgarten umwandelte. Damals wird eine Umnutzung des Guthofes zu einem Gastwirtschaftsbetrieb stattgefunden haben. Der ehemalige  Hof Schulte-Brüning war Lehnshof der Abtei Deutz und kann bis 1327 zurückverfolgt werden. An ihn erinnert die Brünninghofer Straße in Leithe.

   Aber nicht nur Hof- und Ortsnamen, berichten über Zeiten, aus denen sonst wenig überliefert ist. Der einzige biblische Name, der bei den christianisierten Eingesessenen mehr als einmal vorkommt ist Johann, also Johannes. Josef fehlt. 

   Auffallend häufig kommt dagegen der Vorname Dietherich, kurz Dirk bei den mittelalterlichen Kray-Leithern vor. Er könnte auf die Popularität des Dietrich von Bern zurückgehen. Bern ist dabei nicht Verona sondern ein alter Name von Bonn, wie Heinz Ritter-Schaumburg in seinem Buch 'Dietrich von Bern, König zu Bonn' nachgewiesen hat. Die ursprüngliche Thiderks Saga und die darin beschriebenen Orte stammen, wie Ritter-Schaumburg nachweist, aus vorchristlicher Zeit. Die Umdeutung Thiderks zu Theoderich muss man wahrscheinlich so sehen wie die Umwidmung des vorchristlichen Neujahrsfestes in das heute gefeierte Ostern. Nur Kurden und Perser feiern es heute noch als nicht religiöses Newroz (=Neu-Tag oder Neujahrsfest).  

   Vielleicht drückten die abgabepflichtigen Bauern mit der Wahl dieses Vornamens Dietherich eine gewisse Sehnsucht nach der vorchristlichen Zeit mit ihrer weniger ausgeprägten Abgabepflicht aus. 

   Aber daran ist nicht zu denken. Schon Äbtissin Mathilde II. 973-1011, die Enkelin Otto I. und Nichte von Otto II  soll Goldschmiede und Juwelenhändler aus der Familie Cosman von Mainz nach Essen gebracht haben. Vielleicht als sie 986 zum Begräbnis ihrer Mutter nach Mainz reiste. Denn die von Mathilde hinterlassenen Produkte der Goldschmiede sollen nach Köhn auf die Goldschmiedekunst Mainzer Juweliere hindeuten und sind für diese Zeit etwas ganz besonderes, das den Münsterschatz über die Schätze aehnlicher Einrichtungen hinaushebt. Siehe H.Köhn Der Essener Münsterschatz,

 

 

  Der siebenarmige Leuchter im Essener Dom

 entspricht in der Form der Menora und leitet sich aus derselben Bibelstelle (Ex 37, 17-24) ab. Alexander von Essen vermutet in ihm und anderen frühen Schätzen der Essener Domkammer Werke Mainzer Goldschmiede aus der Familie Cosmann, Leffmann, Levve, von Essen, die als Mathildes Hofjuweliere mit ins Stiftgebiet zogen. 

 

    Mathilde ist durch die von ihr hinterlassenen Kunstwerke des Essener Domschatzes zur bekanntesten Essener Äbtissin geworden. Zu ihrem Tod soll der Siebenarmige Leuchter angefertigt worden sein, der sich heute noch im Domschatz findet.  

   Nach dem zuerst gegründeten Kloster Werden und dem Stift Essen mit seinen Hochadeligen Stiftsdamen, die mit der Bürgerschaft in ständigem Streit liegen, wird auf dem Stoppenberg von der Essener Äbtissin Swanhild um 1073 die Grundlage für ein weiteres Damenstift gelegt, das von den Erträgen der Bauernschaften leben will.

   Dabei ist Stoppenberger freiadelige Damenstift im Vergleich zu Essen ziemlich arm. Es hat Pfründe also Versorgungsmöglichkeiten für 20 zu versorgende Damen, die auch nach der Auflösung des Stifts 1813 zum Teil dort wohnen bleiben. Besonders natürlich Stiftsdamen, die eigene Häuser am Kapitelberg besitzen, wie der Stoppenberg auch genannt wird. Das westlich von der Kirche stehende Kapitelhaus, in dem die meisten Stiftsdamen und Novizinnen wohnten, wurde 1826 zum Abriss verkauft.

   Heute wohnen auf dem Kapitelberg Klosterschwestern des Karmeliterinnenordens, die eine Hostienbäckerei betreiben und für die Stoppenberger beten. Das war früher nicht der Sinn der Sache. Das freiweltliche Damenstift war zur standesgemäßen Versorgung unverheiratete Adelsdamen gedacht und hatte mit deren Religiosität wenig zu tun. Das war nicht nur in Stoppenberg und Essen der Fall.

    So gab es in Königsberg in Bayern die adelige Schwesternschaft von der Agelblume, der Akelei, die an Bescheidenheit gemahnen sollte, die für die Damen nicht leicht erreichbar war. Die Schwesternschaft besass zwar auch ein Klostergebäude und liess Messen lesen ließ. Aber die Klostertracht konnte unter der Kleidung getragen werden und wohnen mussten die Schwestern auch nicht im Kloster. Statt dessen gab es jedes Jahr an einem bestimmten Tag ein Fest, an dem unter religiösem Motto gefeiert wurde. Zu dem Fest sollte frau anwesend sein. Mit der Reformation endete der Spaß für die Klosterschwestern, die die Akelei zum Zeichen der Bescheidenheit gewählt hatten. Auch das nahe Kloster Mariaburghausen war eine Versorgungseinrichtung für adelige Damen.

    Wie man an der Zunahme der Einrichtungen sieht, wurden es immer mehr Menschen, die die Bauern ernähren müssen und auch der Papst in Rom bekommt vieles von den Einkünften. Es wird geschätzt, dass zu Zeiten der Reformation schließlich etwa 60% des erwirtschafteten Einkommens des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach Rom fliessen.

   Aus den immer größer werdenden Forderungen, besonders den Auswüchsen des Ablasshandels, speist sich später der Widerstand, der die Reformation beflügelt.  

   Auch  Beatrix von Holte, die 1292 Fürstäbtissin des Stifts Essen wurde, erhält die Genehmigung zum Ablasshandel, weil sie für den Wideraufbau des Münsters Geld braucht. Bei ihr können auch sündige Eingesessene von Kray-Leithe für viel Geld ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Aber gegen wirkliche Probleme wie die Pest hat die Kirche keine Mittel in der Hand. Hier rächen sich die Behinderung von Medizin und Wissenschaft durch die Kirche. Statt dessen wird nach Schuldigen gesucht.  

     

   Die Neigung der Essener zur reformierten Kirche ist sogar bei den Katholischen Ebtissinnen stark. 

    So wird Abtissin Irmgard von Diepholz wegen ihrer Neigung zu Reformation  exkommuniziert und auch weitere Aebtissinnen, die offiziell katholisch bleiben, schon um ihre Stellung als Aebtissin zu halten, hängen der Reformation an. 

Pest, Reformation und Kriege 

   Im 16ten Jahrhundert wird die Pest nicht nur durch den Handel verbreitet. Auch der aus den Niederlanden immer wieder hereinschwappende Befreiungskrieg gegen die Habsburger trägt die Pest in das Stift Essen und seine Bauernschaften.  Gegen die Pest, die 1530  im nahen Steele ausbricht, helfen die Lehren der Kirche den Gläubigen nicht. Sie merken, dass die Religion, die für alles eine Erklärung bieten will, hier versagt. 

    Zwar lässt der wegen seines ausschweifenden Lebensstils ständig verschuldete Papst Leo X. seine Ablassbriefe wie Wertpapiere in ganz Deutschland vertreiben. Aber ein schönes Leben können sie nur im Jenseits versprechen. Leos X. bekanntester Helfer Johann Tetzel bietet in seinem Auftrag einen Ablass an, der angeblich die Türkenkriege finanzieren soll, aber wahrscheinlich zur  Fertigstellung Petersdoms in Rom dient. Er wird so gut verkauft, dass der Kurfürst von Sachsen, der einen Geldabfluss nach Rom verhindern will, den Vertrieb dieser Ablassbriefe in seinem Gebiet verbietet.

    Luther wird von dem Handel so abgestoßen, dass er zur Reformation aufruft, die auch das kleine Stift Essen erreicht, zu dessen Herrschaftsbezirk Kray-Leithe damals gehört. Besonders gerungen wird um die Laurentiuskirche in Steele. Das Recht hier Messen zu feiern wechselte mehrfach. Denn die Bürgerschaft will die Reformation. Welche Reformation, darum wird lange gerungen. Es gibt Reformierte, die einer Chalvinistisch-Pietistischen Reform anhängen und Lutherische, während die Fürstäbtissinnen trotz anderer Neigungen zumindest nach aussen katholisch bleiben, um ihre Herrschaft zu erhalten. Nur Irmgard von Diepholz wird wegen ihres Religionswechsels abgesetzt. Reformierte und Lutheraner sind sich spinnefeind, wie man auch am Lebenslauf Paul Gerhardts erkennen kann, der im Dreissigjährigen Krieg aufgewachsen und Lutheraner geworden, im von reformierten Fürsten regierten Brandenburg viel auszustehen hatte. Zu seinem 400sten Geburtsjahr 2007 erinnern die Essener Gemeinden an ihn.  

    In Essen werden als erster Protest in der Reformationszeit am Weihnachtsabend 1559 in der Marktkirche bis Mitternacht deutsche Weihnachtslieder gesunden. Eine antikatholische Demonstration, die man noch als Forderung an die Katholische Kirche, also als Reformierung, noch nicht als Abspaltung sehen kann. 1561 wird der deutsche Kirchgesang offiziell in der Marktkirche eingeführt; zwei Jahre später feiern die Bürger mit Unterstützung des Stadtrates hier erstmals das protestantische Abendmahl. Aber das Singen deutscher Kirchenlieder ist, obwohl es den Menschen so wichtig ist, ist nur ein Teil der Reformation. Große Bedeutung hat die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, die so auch für wenig gebildete Menschen lesbar und verständlich wird. Luther übersetzt zum Ersten das neue Testament aus dem Griechischen. Übersetzungen aus dem Aramäischen und Hebräischen sind noch nicht möglich, denn deutsche Hebraeisten gibt es noch nicht und Konvertiten wie der in Köln wirkende Johannes Pfefferkorn berichten nichts Gutes von den Hebräischen Schriften. Sein 1511 erschiener Handtspiegel wendet sich gegen Johannes Reuchlins günstige Darstellung des Talmuds, den Reuchlin aber nicht gelesen hat.

    Dabei geht Pfefferkorn Punkt für Punkt auf Reuchlins Argumente ein und fordert von eine klare Stellungnahme, gegebenenfalls sogar eine Entschuldigung für seine Irrtümer.

    Besonders kritisiert er, dass Reuchlin zugegebenermassen den Talmud niemals gelesen hat, was für ein Gutachten Voraussetzung sein sollte. Merkwürdig mutete an, das Pfefferkorn die Verbrennung der Christenfeindlichen Schriften fordert. Deren Übersetzung ins Deutsche und Veröffentlichung wäre sicher eine bessere Alternative gewesen, die den Menschen eine fundierte Meinungsbildung ermöglicht hätte.  

     Aber nach und nach gelingt es den Reformatoren mehr und mehr von der Bibel ins Deutsche zu übersetzen und insgesamt wird die "Übersetzung", vor der die Katholische Kirche sich so sehr fürchtet, vielleicht weil ihr der Text selbst nicht so geheuer ist, von den Gläubigen angenommen. Eine Welle der Emanzipation von der katholischen Kirche setzt ein, die auch Essen erreicht und hier wie in ganz Deutschland deren Kirchensteuereinahmen zum Sinken bringt. 

Besonders die Niederlande kämpfen um ihre Befreiung von Habsburg und Rom. Schon vor dem Dreissigjährigen Krieg plündern 1586  spanische Soldaten, die in Steele einfallen den Isingshof, töten Heinrich Ising, seinen gleichnamigen Sohn und schneiden seiner Frau die Nase ab. Nachdem sie alles eingesackt hatten, was sie mitnehmen können, stecken sie den Hof an. Nachdem Johann zu Schulte-Ising ihn mit Hilfe von Verwandten wieder aufgebaut hat, kommen die Spanier im nächsten Jahr unter Kapitän Immanuel da Vega wieder zurück. Heute wird der Hof Schulte-Ising von der Familie Budde bewirtschaft. Ein Henrich Budde ist schon in der Türkenliste von 1542 erwähnt, in der die Steeler Kötter mit den von ihnen zu zahlenden Abgaben erwähnt sind. 

   So hat Kray-Leithe auch unter den Auseinandersetzungen um die Niederlande zu kämpfen, die achtzig Jahre dauerten. Gerade in und um Wattenscheid lagern oft Heere, die die benachbarten Höfe überfallen und ausplündern.    

    

 

 Die Vogteirechte des Stifts Essen fallen an die Preussen

    Schon nach dem Tod des letzten Herzogs von Cleve 1495 hatten sich die Brandenburger der Vogteirechte über das kleine Stift Essen bemächtigt, die 1288 nach der Schlacht von Worrigen an die Clever Herzöge gekommen waren. Denn die Fürstabtissinnen hatten keine eigene Armee, sondern ihren Schutz sozusagen bei den Cleves in Pacht gegeben und ihnen für die Vogtei Dienste und Rechte die Vogteibeede gezahlt. 

    Als der letzte Clevische Herzog stirbt, behauptet der Brandenburger, er habe die Vogtei geerbt und beansprucht die Vogteibeede, also die für den Schutz zu zahlende Abgabe. Die Fürstäbtissin will nicht zahlen. Aber nachdem ihre Leute als Geisseln genommen werden, bleibt ihr nichts anderes über als die Vogteibeede einzuzahlen. Nur an Schutz bekommt das Stiftsgebiet nicht viel. Immer wieder fallen marodierende und kampierende Soldaten ein. Auch in Sevinghausen bei Leithe nisten sich Truppen ein, die schwer auf den Bauern lasteten und sie ausplündern.

    

Bergbau

   Die Macht der Kirchenfürsten bleibt im ehemaligen Siedlungsgebiet der Marser, Brukterer und Chatten wenig gebrochen. Und so bieten die Schürfrechte neue Pfründen für die Fürsten, die ihre Zustimmung zum Schürfen von ihrem Concent bez. der Konzession von Zahlungen abhängig machen können.

   Noch Franz von der Wenge muss als er nach Eisenerz graben will, die Genehmigung dazu beim Erzbischof von Köln einholen. Freiherr Wenge war als Domkapitular des Fürstbitums Münster  und  Kanonikus Kapitularis des Kollegiatstiftes zu St.Mauritz vor Münster kein einfacher Katholik, sondern hatte gute Kontakte zu Kirchenoberen. Am 25. Februar 1741 bittet er um die Genehmigung zum Suchen und Graben von Eisengestein zwischen Osterfeld und Buer im Vest Recklinghausen. 

   Osterfeldstraße hieß so der Kamblickweg, an dem das Krayer Rathaus liegt, bis zu seiner Neubenennung. 

   Die Genehmigung zum Schürfen wird am am 13. Juli 1753 von Clemens August erteilt. Sicher nicht kostenlos und 1754 wird mit dem Bau der St.Antony-Hütte begonnen. Siehe auch Bergbaugeschichte

    1740 bemüht sich Franz von der Wenge auch um  Schürfrechte unter dem Isinger Feld. Er will hier nach Blei suchen. Aber die geplante Grube geht nicht in Betrieb.

   Später nämlich 1857 wird in Kray mit dem Schacht I der Zeche Bonifacius begonnen. Der Schacht steht auf dem Bartlingshof, einem der 18 Höfe, von welchem die Bauernschaft Kray, die damals 299 Einwohner zählt, gebildet wird. 1859 wird die erste Kohle gefördert. 

   Der Name Bonifacius erinnert an einen der beiden angelsächsichen Missionare, nämlich Bonifacius und Willibrod, die aus England, dem Land in dem  Angeln, Sachsen und Jyllen (Jüten) sieben angelsächsische Königreiche gegründet hatten zurück zum Festland kamen. Dem Festland aus dem ihre Vorfahren eins ausgewandert waren. Schließlich stammten die Angeln aus dem Hügelland zwischen Schlei und Förde in Norddeutschland, so wie die Jyllen aus Jütland, Gegenden mit den die Sachsen viel Kontakt hatten. Nach ihrer Auswanderung  waren sie in Britannien missioniert worden und hatten auch das Christentum übernommen, aber ihr eigenes Rechtssystem behalten. An die Jyllen oder Jüten erinnert den Vorname Jutta. Aber auch als Nachname kommt Jütte in Kray vor.

    Willibrod und Bonifacius, der eigentlich Winfrid von Wessex hieß, Bonifatius war sein später verliehener Kirchenname, kamen also nicht als Kolonisatoren, die die Sachsen zu Untertanen machen wollten, obwohl sie auch Christianisieren wollten.

    Die Eroberer unter Karl dem Großen untersagten den angelsächsischen Mönchen wie Willibrod und Bonifacius Gespräche über das angelsächsische Recht, das mit dem Recht der Sachsen und Friesen viel gemein hatte und nichts mit einem Gottesgnadentum eines vom Papst gekrönten Herrschers. Siehe Wolfgang Viehweger: Die Grafen von Westphalen, erschienen bei Aschendorf.

   Aus dem angelsächsische Recht entstand später das Common Law, aus dem sich auch das amerikanische Rechtssystem entwickelte.  In den  fränkisch eroberten Gebieten ist diese Entwicklung nicht zu beobachten. Hier wurde von oben entschieden und das auch nachdem das Heilige römische Reich Deutscher Nation nach fast tausend Jahren aufgehört hatte zu existieren und die kirchlichen Herrscher enteignet wurden. Die Menschen lernten nicht selbst zu entscheiden und Verantwortung zu tragen, sondern wurden gezwungen sich von oben führen zu lassen. Keine gute Vorbereitung auf eine Demokratie. 

Kray-Leithe wird preussisch

    Erst durch Napoleon verloren die Äbtissinen die ganze Macht, obwohl die Preussen schon vorher viel zu sagen hatten. Die letzte Fürstäbtissin von Essen Maria Kunigunde von Polen, Litauen und zu Sachsen wurde bei Belassung ihrer Bezüge entlassen und ihre und andere Gebiete wie der Landkreis Esssen fielen nach dem Reichsdeputaionshauptschluss am 23.02.1803 an Preussen, das so für Verluste im Linksrheinischen entschädigt wurde. Siehe auch Essen wird preussisch

     Tatsächlich hatten die Preussen über die Vogteirechte schon lange mehr Einfluss als die Fürstabtissinnen, die ohnehin auch noch mit dem Magistrat zu kämpfen hatte. 

   Nicht für lange. Das Kriegsglück wankt hin und her.

   Die Bauernschaft Kray kam unter den Franzosen kurz zur Municipalität Altenessen und nach dem Wiener Kongress zur  preussischen 

Bürgermeisterei Stoppenberg,

über die Carl Meyer, der Stoppenberger Bürgermeister sein berühmtes Buch: Die Geschichte der Bürgermeisterei Stoppenberg, der in ihr liegenden Güter und Werke sowie des ehemaligen freiweltlichen adeligen Damenstiftes Stoppenberg geschrieben hat. Antiquarisch erhältlich bei bei www.zvab.de und in vielen Bibliotheken.

    In Preussen der Oranier wurde auch die Erteilung von Bergbaukonzessionen neu geregelt und zum Zuge kamen jetzt andere.    

    

   Der große Kurfürst von Brandenburg hatte in den Niederlanden studiert und war zum Reformierten Glauben, der niederländischen Spielart des Calvinismus übergetreten, was nicht ganz unproblematisch war, waren die Brandenburger doch Lutheraner. Trotzdem hielten die Brandenburg/Preussischen Herrscher am Calvinismus fest und lockten viele Nichtlutheraner wie die Waldenser und die Hugenotten mit Privilegien wie der Zunftfreiheit ins  Land.  Wenn heute noch der Theologe und Brandenburger Verfassungsrichter Richard Schröder, wie am 6.Oktober 2007 im Kölner Stadtanzeiger unter 'Worte der Woche' berichtet, über die eingesessene Bevölkerung  höhnt: "...ohne sie, nämlich die holländischen und hugenottischen Einwanderer, säßen die Brandenburger heute noch mit Dauerschnupfen in den Sümpfen", fällt  es schwer, diese Aussage höflich zu kommentieren.

     

   Nach dem gewonnen Krieg fühlt Bismarck sich auch stark genug für den Kulturkampf gegen Papst und Jesuiten, der die preussischen Katholiken tiefer in die Arme des Zentrums treibt und dessen Wählerschaft verdoppelt. 

   Durch die Reparationen, die die Franzosen im Anschluss an den verlorenen Krieg zahlen müssen, fließt viel Geld ins Zweite Deutsche Reich. Es wird  gegründet was das Zeug hält. Danach benennt man  diese Jahre später Gründerjahre. Und den bald folgenden Gründerkrach.

   Auch in die Oberbürgermeisterei Stoppenberg und nach Kray und Leithe fließt viel Geld. 

    Am 27. März 1872 übernimmt eine mit einem Stammkapital von 6.000.000,00 Mark gegründete Aktiengesellschaft die bis dahin als Eigentümergewerkschaft betriebene Zeche  Bonifacius, in deren Beizeichnung nicht nur die Erinnerung an Bonifacius sondern auch an das gemeinsamen Zechen nach der Arbeit mitschwingt.  

    Um die mit dem Abteufen des Schachtes 2 im Jahre 1872 begonnene Vergrößerung der Anlage weiter zu führen und außerdem Arbeiterwohnungen bauen zu können, wird im Jahre 1873 das Aktienkapital um 1.500.000,00 Mark erhöht. Das Geld ist da. Es kommt von den Franzosen. Was niemanden zu stören scheint, solange es gut geht.  

   Aus dem Pfandleihe und Wechselgeschäft entwickeln sich richtige Banken, die Anleihen verkaufen. In Steele entsteht das Bankhaus Rindskopf, in Essen steigt die Wollhandelsfirma W & C Waldhausen 1820 ins Bankgeschäft ein. Weiter Bankgründungen sind Levi Hirschland in der Viehofer Straße, Münzheimer & Co., Cahn, Sprenger und Co., Hoffmann und das Bankhaus Plaut. 

   Trotzdem zeichnet sich sehr früh eine Krise ab, die mit der bedenklosen Finanzierung ferner Expansion zusammenhängt. Denn viele die Unternehmungen wurden mit der Ausgabe von Anleihen finanziert.  Viele deutsche und auch französische Anleger stecken ihre Ersparnisse in sogenannte Rentenpapiere, Anleihen, die angeblich gut schlafen lassen sollen. Auf eine Anleihe traf das besonders wenig zu. Es ist eine, deren Brisanz Bismarck anfangs nicht erkennt und von der er später lange fürchten muss, dass sie ihn die Wahlen kosten wird.

   Und zwar gibt in den Gründerjahren ein schillernder Finanzier, der sich Henry Bethel Strousberg nennt, Anleihen heraus, die über die Banken vertrieben werden. Er will damit eine rumänische Eisenbahnstrecke finanzieren, die das Monopol der österreichschen Donaudampfschiffahrt brechen soll. Vermutlich benutzt Strousberg aber viel von dem gezeichneten Kapital, um andere Löcher zu stopfen. 

    Bismarck selbst wird von seinem Bankier Gerson Bleichröder vor Strousberg gewarnt, der ihm am 6.November 1869 über Strousberg schreibt: Der Mann ist sehr gescheut, aber die Art und Weise Geschäfte zu entarnieren, um alte Löcher u stopfen, ist gefährlich und im Momente einer Hemmung, kann sein ganzes Gebäude zusammenstürzen und unter den Trümmern Millionen leichtgäubiger Actionäre begraben. 

    Genau das passiert. 

    Zahllose Kleinanleger vom preussischen Junker über die Witwe mit Ersparnissen bis zum Droschkenkutscher verlieren Kapital und Zinsen und sind ruiniert. 

    Und man kann dem Text auch weiteres entnehmen. Die Banken, die die Anleihen verkaufen, haben vermutlich selbst schon viel Geld in anderen Strousbergschen Unternehmungen stecken.   

    Keine will dass Strousberg kaputt geht und damit die eigenen Kredite abgeschrieben werden müssen. Im Gegenteil. Vermutlich geht  es allen, die sich erkundigten, so wie Senator Buddenbrock als sich Bendix Grünlich, um Tochter Toni bewirbt.  Als er sich nach Grünlichs finanziellen Verhältnissen erkundigt, bekommt er nur günstige Auskünfte von dessen Geschäftspartnern. Sie hoffen Tonis Mitgift wird Grünlich in die Lage versetzen, seine Schulden zu bezahlen, woran sie starkes Interesse haben. Anschließend ist Tonis Geld verloren, wie das von Strousbergs unglücklichen Gläubigern.

    Angesichts der Wut der getäuschten Anleger fürchtet Bismarck um seine Wiederwahl. In seinem  Auftrag arbeitet Bleichroeder wohl ein Jahrzehnt an der Sanierung des unglücklichen Projekts, das das Vertrauen erschüttert hat. Bleichröder erzwingt die Zahlungen schließlich über die Verpfändung des rumänischen Tabakmonopols, so dass nun die rumänischen Raucher für Strousbergs Betrügereien aufkommen müssen. Man kann sich den Hass in Deutschland und Rumänien vorstellen, der gerade die Bankiers trifft, die die Anleihen, damals Cuxen genannt, vertrieben haben. Siehe Fritz Stern: Gold und Eisen, Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Dabei erreicht Bleichroeder mit 60% des eingezahlten Kapitals eine ganz gute Quote, von der viele Zeichner der Deutschen Telekom Aktien träumen würden. Aber geschäftlich unerfahren und ruiniert, wie viele sind, wissen viele düpierte Anleger  das kaum zu schätzen. 

    Aber die Banken finanzieren nicht nur fallierende Anleihen. 

    Die bedeutendste Bank in Essen wird die Privatbank Simon Hirschland. Isaac Simon Hirschland hatte 1841 in dem Haus I.Weberstraße 34 nicht nur mit dem Bankgeschäft sondern auch mit dem Handel mit Wolle, Fleisch, Fellen Nägel Kupfer Blei und Vieh begonnen. Sein Sohn Albert wird auch in Berlin ein erfolgreicher Bankier. Der Sohn Isaak übernimmt das Essener Geschäft, wird als der erste Bänker von Essen bekannt und finanziert so wichtige Unternehmungen wie die von Matthias Stinnes,  Franz Dinnendahl, Krupp und die von Grillo und Kirdorf gemanagte GBAG, die auch die Zeche Bonifatius erwirbt.  

    Die Familie Krupp ist im 16. Jahrhundert nach Essen gekommen. 1587 sind die Krop oder Krupes zusammen mit den Huyssens und Klockes auf der Flucht von der Rekatholisierung. Sie flüchten aus Gendringen, heiraten untereinander und gehören bald zu den flussreichsten Essenern. Arndt Krop handelte mit Kolonialwaren, die er über Holland aus Übersee bezieht. So werden durch ihn die Essener mit den Früchten des Dreieckshandels versorgt. Später verlegt Krop sich auf Eisenwaren, beginnt Nägel zu schmieden und tritt dem Schmiederat bei. Später wird die Firma Krupp zur Waffenschmiede Preussens und die hier hergestellten Waffen bringen vielen den Tod. 

      Derweil zieht die Zeche Bonifatius so viele Menschen nach Kray, dass neue Kirchen für sie gebaut werden müssen. Die Ridders stiften das Gelände für die Barbarakirche und die Gemeinde ist reich genug, die Kirche nicht nur zu bauen, sondern auch innen schön auszustatten. Der Josephsaltar zeigt die Heilige Familie mit liebevollen Details ausgestattet bei der Arbeit.

    Emil Kirdorf wird in der Bürgermeisterei Stoppenberg, zu der die Bauernschaften Kray und Leithe, aber auch Rotthausen und Ückendorf seit der Franzosenzeit gehören, ein großer Mann, dem  1989 die Ehrenbürgerschaft von Gelsenkirchen entzogen wird. Seine Villa in Ückendorf steht heute nicht mehr.     

    Und so geht am 1. November 1899 die Bergwerksgesellschaft Vereinigter Bonifacius in den Besitz der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft des Waldensers Friedrich Grillo über. Die GBAG war ein sehr großes Unternehmen, dass sogar im fernen Georgien in Tschiatura Manganminen betrieb. Mangan braucht man zur Erzeugung von Qualitätsstahl. 

    Damals ist Tschiatura der größte Manganerzproduzent der Welt. Sein Anteil am Weltaufkommen beträgt fast 40%, der Anteil am Weltexport liegt bei über 50%. Ab 1879 sind  fast alle Felder in der Hand deutscher Unternehmen. Dazu gehörten die Gute Hoffnungshütte,  der Schalker Gruben- und Hüttenverein, dem August Thyssen vorsteht, die GBAG in der Emil Kirdorf, Paul Randerbrock und Grillo zu sagen haben und der Hamburger Kaukasische Grubenverein, hinter dem Krupp steht. Das  Manganerzes wurde hauptsächlich in Deutschland verarbeitet. Wie gerieten die Georgischen Bergewerke in die Hände der GBAG und all dieser Firmen? 

    Das beschreibt Klaus Thörner, der die Interessen der Ruhrgebietsfirmen im Kaukasus darstellt.  

    Allerdings haben hier nicht nur die Ruhrgebietsfirmen Interesse. Auch Royal Dutch Shell, die Firma der Oranier ist involviert und die aus Polen nach Schweden ausgewanderten Wallenbergs über die Firma Nobel.  

   Die russische Regierung fürchtet die Abspaltung Georgiens durch georgische Nationalisten und das nicht ohne Grund. 

   Sie versucht die Organisation der georgischen Nationalisten zu stören und ihre Gruppen zu infiltrieren. In Gori gewinnt sie den jungen Soslan Dsugajew als Einflussagenten. Soslan oder Sosso, wie er gerufen wird, wird in Gori geboren und obwohl er kein Georgier ist, spricht er so einwandfrei georgisch, dass er sich ohne weiteres alsi Georgier ausgeben kann. Aber er ist keiner. Er ist von beiden Eltern her Ossete und er wird sein Leben lang großrussische Interessen vertreten. Vermutlich zur Tarnung benutzt sogar eine georgifizierte Form seines Nachnamens. Josef Dschugaschwili. Aber er hasst die Georgier. 

     Sosso Vater, ein Schuhmacher mit dem mutmaßlichen Namen Beslan Dsugajew verliert durch die industrielle Schuhproduktion seine Existenz und muss die Schuhmacherei aufgeben. Er versucht in einer Schuhfabrik in Tiflis eine neue Existenz aufzubauen. Aber seine Frau Keke bleibt in Gori.   

   Keke setzt ganz auf ihren Sohn, der eine Karriere in russischen Diensten machen soll. Schon früh lässt sie ihm russischen Sprachunterricht erteilen und schickt ihn zur russisch orthodoxen Kirche. Der kleine Sosso bekommt ein Stipendium und stiftet schon früh Streit unter den nationalistisch orientierten Studierenden. Seine Mutter kann sich sogar eine Nähmaschine leisten. 

   Sosso bekommt gute Beurteilungen und beendet sein Studium kurz vor seinem Abschluss als orthodoxer Priester. Auch ohne Abschluss findet er sofort eine Stelle an einem wissenschaftlichen Institut, wo er nicht viel tun muss. Er hat Zeit genug sich unter die georgischen Sozialdemokraten zu mischen. Anders als im übrigen Russland ist die sozialdemokratische Partei in Georgien eine starke Organisation, der nicht nur Arbeiter angehören. Die Partei will ähnlich wie die westlichen sozialdemokratischen Parteien die Situation der Arbeiter verbessern und ist auf Wahlen und Selbstverwaltung aus. Denn die Georgier sind mehr aus Angst vor Iranischer Okkupation unter die Fittiche Russlands geschlüpft als aus Verbundenheit wie die Osseten, zu denen Sossos Familie gehört. 

    Das Deutsche Reich und die im Kaukasus aktiven Ruhrgebietsfirmen hoffen auf Loslösung der Kaukasusrepubliken, in denen sie Aufstände schüren wollen. So erhoffen sie sich noch besseren Zugriff auf die dortigen Rohstoffe  von Mangan bis Naphta. Das ist weder im Sinne Russlands noch der konkurrierenden Firmen, die dort aktiv sind. Mit dem Fürst Matschabelli gelingt es dem Deutschen Reich sogar, einen Einflussagenten zu etablieren. 

    Aber die georgischen Sozialdemokraten lassen sich nicht so leicht unterwandern. Auch Sossos Aktionen fallen auf. Er wird aus der Sozialdemokratischen Partei Georgiens ausgeschlossen, obwohl die Polizei ihn ein paar Mal zur Tarnung verhaftet. Dabei geht es ihm nicht schlecht. Wie man zum Beispiel an seinem Aufenthalt in Turuchansk erkennen kann, wohin er 1913 zusammen  mit Swerdlow verbannt wird. In Turuchansk ist nämlich ein Ossete  namens Iwan Kibirow Polizeipräsident, der sich um seinen Landsmann kümmern kann.

    Die verschiedenen Verbannungsorte im Bezirk Turuchansk sagen Soslan Dsugajew aber nicht zu. Endlich kommt er zusammen mit Swerdlow und dem Gendarmen Iwan Laletin nach Kureika, das auch im Bezirk Turuchansk liegt. Hier bezieht er mit Swerdlow ein gemeinsames Haus.

    Ostern 1914 schmeißt Dsugajew Swerdlow raus und begründet stattdessen eine Wohngemeinschaft den Pereprygins. Die Pereprygins haben sieben Waisenkinder in Obhut. Soslan verführt die erst dreizehnjährige Lidija Platonowna Pereprygina, die Tochter (oder das Pflegekind?) seines Hauswirts. 

   Als der Gendarm Laletin ihn in flagranti überrascht und von seinem Tun abhalten wollte, wird er von Dsugajew mit dem Säbel bedroht. Denn Dsugajew hat eine Waffen, der Gendarm hat  nur seine Fäuste zur Verfügung, um sich in Sicherheit zu bringen.

     Aufgrund diesen Zwischenfalls wird Gendarm Laletin auf Wunsch Dsugajews zwangsversetzt und durch einen noch wohlgesonneneren Gendarmen ersetzt. Nach der ersten Totgeburt wird Lidija erneut schwanger und von einem Sohn entbunden. Siehe auch David Rayfield. Stalin und seine Henker. Blessing 2004 

     Die anderen Verbannten sind immer weniger begeistert von Sosso und es gelingt ihm nicht, eine grosse Rolle zu spielen. Aber bei Lenin und seiner merkwürdigen Splittergruppe den Bolschewisten behält er Rückhalt.  

      In Kray floriert derweil der Bergbaus, denn neben Mangan brauchte man für die Erzeugung des Stahls in Hochöfen den Koks. 

    Aber das unter preussisch-reformierter Führung stehende Reich ist nicht nur im Kaukasus aktiv. Hubert Hagemann aus Rotthausen, Kesselschmied auf der Zeche Dahlbusch, muss 1900 als Matrose für Kolonialinteressen im Boxeraufstand kämpfen. Denn Preussen hat sich unter Friedrich dem Großen zwar aus dem Sklavenhandel zurückgezogen, aber andere Zweige des Dreieckshandels und der kolonialen Expansion weitergeführt. So beteiligt es sich am Chinahandel, bei dem es sich nicht um einen freien Handel zu beiderseitigen Vorteil handelt. Die Kolonialmächte kämpfen für ihre Monopole und besonders für das Recht ihren Exportschlager Opium frei absetzen zu können. Aber das Opium macht die chinesische Bevölkerung zu Drogensüchtigen und zerstört die Gesellschaft.  

    Peking wird geplündert und Hubert Hagemann erbeutet bei seinem Einsatz für das Zweite Deutsche Reich eine Blumenvase, mit der er 

                         

unverletzt zu seiner Verlobten Maria Schnippert, genannt die Schnibbelbohne, zurückkehrt. Maria Schnippert hat bis zu ihrer Eheschließung als 'Irrenpflegerin' in der Heilanstalt Grafenberg bei Düsseldorf gearbeitet. Zum Abschied erhält sie eine Aussteuer vom Ehemann der von ihr betreuten Kranken. 

     Da die beiden erst mit dreissig Jahren heiraten, haben sie einiges zurückgelegt. Sie erwerben ein Grundstück in der Belforter Strasse 70, direkt neben der Schraubenfabrik Friedberg, auf dem sie einen großen Nutzgarten anlegen und bauen ein Haus mit Pferde- und Hühnerstall. Die chinesische Blumenvase bleibt durch beide Weltkriege erhalten. Der den Chinesen aufgezwungene Opiumhandel wird nie erwähnt. Auch nicht in dieser Darstellung des Lebens des Steyler Missionars Josef Freinademetz, der zu dieser Zeit in China in der Shantung Mission tätig ist und auch das von deutschen Truppen besetzte Kiautschou-Gebiet betreut. Dem Hass und den Pogromen der aufgebrachten Chinesen steht er als ratloses Opfer eines bösartigen Angriffe gegenüber. Ähnlich wie andere Opfer plötzlicher Gewaltausbrüche fragt er sich nicht ernsthaft, welche Hintergründe sie haben könnten. Den Opiumhandel als Problem scheint er gar nicht zu bemerken.  Auch was die Deutschen Truppen in Kiautschou zu besetzten haben, fragt er sich nicht. 

    Von dem reformierten Missionar Karl Gützlaff ist bekannt, dass er Opiumhandel und Mission gleichzeitig betrieb. In seiner Biographie bei Wikipedia findet sich noch nichts über seine Tätigkeit für die im Opiumhandel tätigen Händler William Jardine, der als Arzthelfer angefangen hatte, und James Matheson. Aber bei Matthias Seefelder 'Opium' 1990 bei dtv. Seefelder vermutet, dass das calvinistische Prinzip caveat-emptor = Der Käufer möge sich hüten die nötige Philosophie für die Zweigleisigkeit liefert, mit der Gützlaff gleichzeitig als Missionar und Opiumhändler tätig ist.   

     So kann man vermuten, dass auch die Hagemanns keine Gewissensqualen peinigen. Mit der Hausarbeit braucht Maria Schnippert sich nicht zu sehr zu plagen. Ihr steht eine Haushaltshilfe zur Seite, die Maria unterstützt. 

    Anders ergeht es der gleichaltrigen Mileva Maritsch. Als beste Schülerin Serbiens entschließt sie sich wie ihr späterer Mann zum Physikstudium in der Schweiz, wo das Frauenstudium schon möglich ist. 

    Während er brillieren kann, versinkt sie in Hausarbeit und Kinderversorgung. Eine Haushaltshilfe hat sie nicht. Ihre Schwiegermutter kann sich mit der religionsgemischten Ehe nicht abfinden und bringt sie schließlich zum Scheitern. Das erste Kind stirbt unter ungeklärten Umständen, ein Sohn wird nervenkrank und der letzte Sohn kann seinem Vater nicht verzeihen, der derweil im sicheren Amerika den Bau der Atombombe anregt. Weil der Krieg zu früh zu Ende geht, wird sie nicht auf Deutschland geworfen. Statt dessen wird sie die Einwohner von Hiroshima und Nagasaki töten.

    Ähnlich wie die Schwiegermutter von Mileva Maritsch ist Maria  Schnippert in ihrem Glauben fest verwurzelt. Als Katholikin bringt sie ihren Abscheu vor den Protestanten gerne am Karfreitag zum Ausdruck. An diesem höchsten Feiertag der Evangelischen zieht sie alte Kleider an und fegt die Strasse. 

   Aber die Menschen beschäftigen sich nicht nur mit religiösen Auseinandersetzungen. 

   Obwohl der Bergbau eine harte und krank machende Arbeit ist, ziehen immer mehr nach Kray-Leithe, weil sie hier Geld verdienen können. 

    Am Krayer Markt entsteht ein Kaufhaus. Eine Straßenbahnlinie verbindet Rotthausen, Kray und Steele. Zwischen Rotthausen und Kray entsteht sogar ein Flughafen auf dem Schauflüge veranstaltet werden, denn im Ruhrgebiet entsteht eine Flugzeugindustrie. Es beginnt ein Flugverkehr zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin.   

    Nachdem die lutherischen und reformierten Gemeinden, die sich über Jahrhunderte bis aufs Messer bekriegt haben, sich 1817 auf Vorschlag des preussischen Königs zur Unierten Kirche vereinigt haben, vermutlich um die die Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten in Preussen zu verdecken, gibt es gemeinsame Gemeinden dieser beiden Konfessionen. 

    In diesem Zuge ist an der Helmholtzschule entsteht  ein gemeinsames Präparandum für die evangelische Lehrerbildung entstanden und in Kray wird als evangelische Kirche die Alte Kirche gebaut, die heute jeden Freitag Vormittag von 10-12Uhr geöffnet wird, damit sie besichtigt werden kann. 

die, abgesehen von einigen Glasfenstern, bis heute erhalten ist. 

     Als Motiv für die Fusion zur Unierten Kirche führte Friederich Wilhelm III. eine schmerzliche Erfahrung an. Als Reformierter habe er nicht gemeinsam mit seiner lutherischen Gattin Königin Luise das Abendmahl nehmen können. Aber wie weit Luise, um die in Preussen ein reger Kult getrieben wird, lutherisch war, sollte man nachfragen. Luise zu Ehren wird das spätere Mädchengymnasium in Essen Luisenschule genannt. Es wird von Mädchen aller Konfessionen besucht, auch von den wenigen Krayer Schülerinnen, die ein Gymnasium besuchen. 

    In Kray gibt es kein Gymnasium aber eine evangelische Volkschule, die auch Carl Hundhausen, der die Public Relations nach Deutschland gebracht hat, von 1900 bis 1908 besucht. Anschließend arbeitet er im Kolonialwarenladen seiner Eltern mit, bis er sich zu einer Schuhmacherlehre entschließt. Als er später ein Studium an der Universität Köln beginnt, wird seine Dissertation von Erwin Geldmacher betreut, der auch den Krayer Politiker Wilhelm Börger als Lehrbeauftragten für Deutschen Sozialismus an die Uni Köln holen soll. Dort feierte der bibelkundige Börger Triumphe mit Vorträgen über die im alten Testament beschriebenen Schandtaten der Israeliten. 

    Die Vorträge finden nicht nur bei den begeisterten Studenten Anklang, sondern auch beim nicht studierenden Kölner Publikum. Da Börger mit anderen akademischen Aufgaben nicht so zurecht kam, stellte Erwin Geldmacher, mit dem und dessen Familie sich bald eine persönliche Freundschaft entwickelte, ihm einen Assistenten zur Seite, der diese Aufgaben übernahm.  

     Börger, der nach dem Krieg festgenommen und zunächst im Lager Hessen-Lichtenau festgehalten wurde, entwickelt in der Haft einen Hass auf Hitler nachdem er erfahren hatte, dass zwei seiner Töchter Bombenangriffen zum Opfer gefallen waren. Trotzdem gelingt es dem Nürnberger Ankläger Robert W. Kempner, der ihn sich nach Nürnberg überstellen lässt nicht, ihn als Zeugen der Anklage zu gewinnen. 1948 entlassen kehrt Wilhelm Börger zurück nach Esssen und wird Vertreter für Farben, Lacke und Arbeitshandschuhe. Er klagt ohne Erfolg auf das Aufleben seiner Verbeamtung. Er führte Gespräche mit dem protestantischen Pfarrer Hermann Blanke in Essen-Rüttenscheid, der Gemeinde in der sich im Dritten Reich Pfarrer Heinrich Held der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten wiedersetzt hat. Er  besucht auch die Gottesdienste der Gemeinde, ohne der Kirche wieder beizutreten.   Manfred Müller: Den Weg zur Freiheit bahnen! Um Sozialismus und Sozialpolitik: NS-Arbeiteragitator W.Börger. Verlag Heitz und Höffkes, Essen 1991

     Zum Wirken von Heinrich Held findet bis zum 11. November 2007 in der Rüttenscheider Reformationskirche Julienstraße 39, der ersten Wirkungsstätte des in Saarbrücken geborenen Heinrich Held, eine Ausstellung über ihn statt. Sie stellt Heinrich Helds Wirken vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und schließlich in der Ära Adenauer dar. Heinrich Held war der erste reformierte Pfarrer, der während des Nationalsozialismus als Regimegegner verhaftet wurde. 

     An Heinrich Held erinnert in Kray das Heinrich Held Haus im Burgundenweg 9-11, das von der Diakonie betrieben wird. Heinrich Held setzte sein Engagement in der Adenauerzeit fort.  Zusammen mit Eugen Gerstenmaier gründet er das Evangelische Hilfswerk und setzt sich für Integration von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die Kinderspeisung und Hilfen für Internierte ein. Schon 1955 knüpft er Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche. 

     Auch der spätere Pfarrer Karl Schwittay, der in Rotthausen und Kray als Sohn einer pietistischen Mutter aufwächst, kann viel über die uniert-reformierte Krayer Gemeinde erzählen. So wie weitere Gelsenkirchener.

     1904 gründete sich in Kray auch eine Neuapostolische Gemeinde, die heute noch hinter dem von Karl Hausmann erbauten Blittersdorfer Weg zu finden ist. Die Mitglieder der Neuapostolischen Gemeinde scheinen keine Probleme mit der Politik des Dritten Reiches gehabt zu haben. Ihre Kirchenoberen, die sich Aposteln nennen, haben auch eine Internetseite, die sich naktuell.de nennt. Anders als die evangelische und die katholische Krayer Kirchen ist ihr Gebäude kein Prachtbau. 

     Und wie man an der 1900  zu Ehren Bismarcks errichteten Feuersäule erkennt, hatten auch die Krayer kein Problem mit den Bismarckschen Kriegen und Toten und den geraubten Moneten, da der Krieg ja gewonnen worden war. 

   Auf dem Mechtenberg am Nettelenbusch wird zu Ehren Bismarcks und unter der Führung Emil Kirdorfs eine  eine Feuersäule errichtet, die heute unter Denkmalschutz steht. Denn der Bremberg ist nicht der einzige "Berg" in der Gegend. Auch der Mechtenberg ist eine natürliche Erhebung und nicht aus dem Aushub von Bergwerken entstanden, sondern im Zuge der Eiszeit. Er besteht aus Ruhrschotter und  steht unter Naturschutz.
   
   In den 1990er Jahren wird durch den Bau von Fußgängerbrücken über die Hattinger Straße, den Leither Bach und den Schwarzbach ein durchgängiger Rad- und Wanderweg vom Rheinelbe Park über die Deponie Nattmannsweg bis zum Siedlungsrand von Rotthausen geschaffen. Ein weiterer Weg führt entlang des Naturschutzgebietes an der Kuppe des Berges des Berges entlang. 

   Aber die Bismarcksäule ist nicht das einzige  Denkmal, das an Zeiten erinnert, in denen Kray-Leithe ein wachsender Ort war. Auch an der Leither Straße werden Häuser im Stile der Gründerzeit gebaut, die heute unter Denkmalschutz stehen. Als markanter Höhepunkt gilt das später fertig werdenden Krayer Rathaus. Siehe auch Dr.Ernst Schmidt 1998 zur Krayer Geschichte

Architekten bauen neue Straßenzüge; so Karl Hausmann die Blittersdorfer Straße, die den Krieg unbeschädigt übersteht und 1911 seine eigenen Häuser an der Leither Straße,

an der der Aufschwung heute noch vorbeigeschwungen ist.

   Der Flugplatz Essen-Gelsenkirchen-Rotthausen wird 1912 gegründet. Der Flugpionier Bruno Werntgen trainiert hier schon mit der ganzen Begeisterung seiner 16 Jahre; die Möglichkeit zu Fliegen euphorisiert die Menschen.  Die Fliegerei ist kein konfessionelles Unternehmen; viele wirken zusammen. Das ist noch nicht selbstverständlich. 

   In lutherischen Preussen mit seiner reformierten Staatsspitze fühlen sich die Katholiken besonders unterdrückt. Sie gründen das Zentrum, das im Ruhrgebiet viel Anhänger hat und in eigenen Gewerkschaften für die Rechte der Arbeiter, besonders der Bergarbeiter streitet.

   Die erste katholische Kirche in Kray wird deshalb 1895 der Schutzpatronin der Bergleute geweiht und St. Barbara - Kirche genannt. Als Heilige Barbara aus Nicomedien wird ein junges Mädchen aus Nicomedia heute Izmit in der Türkei, verehrt. Barbara, eigentlich die Barbarin, soll die Bergleute vor dem plötzlichen Tod unter Tage schützen und gehört zu den drei Nothelferinnen Katharina, Margarete und Barbara. Neben den Bergleuten soll sie auch die Artilleristen schützen und passt so zu Essen, der Waffenschmiede des Reiches, wie die Stadt auch genannt wurde.

  Der erste Weltkrieg 

   Von Essen einer Stadt die auch von der Rüstung lebt gehen Aktivitäten aus, die den Einsatz von Waffen im Krieg begünstigen sollen. So werden im November 1913 leitende Angestellte der Firma Krupp zu Gefängnis und Geldstrafen verurteilt, weil sie für viel Geld aus dem Kriegsministerium Papiere haben entwenden lassen. Mit deren Inhalt wollten sie in Paris antideutsche Emotionen schüren, die zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen sollten. siehe Martin Wein. Willy Brandt Aufbau Taschenbuch 2003 s.9

     Aber wenn man darüber nachdenkt, wurden diese Leute ja angeklagt und verurteilt, das bedeutet ehr nicht, dass kriegstreibende Aktivitäten von oben gewünscht waren. 

    Was könnte die Englische Regierung zum Krieg motiviert haben? Zum Beispiel gab es da die 1904 in Berlin gegründete  Deutsche Petroleum-Aktiengesellschaft (DPAG), die 1906 in die Europäische Petroleum-Union (EPU) überging. Diese gründete 1906 in Großbritannien eine Tochtergesellschaft namens British Petroleum Company für den Vertrieb ihrer Produkte. Diese British Petroleum Company beschlagnahmt die britische Regierung bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs und kommt so sofort an eine fette Beute, die sie seitdem nicht wieder losgelassen hat. 

    1917 wird die Beute der Anglo-Persian Oil Company übereignet, die Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, schon 1913 teilweise verstaatlicht hatte, um die britische Kontrolle über die Ölversorgung der Flotte zu sichern. Über eine Beteiligung an der Turkish Petroleum Company ist die Anglo-Persian Oil Company auch an den äusserst lukrativen Ölquellen bei Kirkuk im heutigen Irak beteiligt, der damals vermutlich noch zum Osmanischen Reich gehört, deshalb Turkish Petroleum Company. 1927 wird sie in Irak Petroleum Company umbenannt. Die Anglo-Persian Oil Company macht im Iran weiter und nennte sich nach 1935 Anglo-Iranian Oil Company (AIOC). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg müssen die Britischen Firmen das Iranische Öl mit den Amerikanern teilen, die ihnen helfen Mossadegh zu beseitigen. Allein sind die Briten mit den Iranern nicht fertig geworden.

   1954 nach zahlreichen Fusionen wird die Anglo-Iranian Oil Company wieder in "British Petroleum" umbenannt, der alte Name der deutschen Tochtergesellschaft, die nun selbst eine heute in Bochum ansässige Tochter gründet. Durch den ersten Weltkrieg haben die Briten also das Iranische und das Türkisch-Irakische Erdöl an sich gebracht. Als Motiv wäre es mit anderen Motiven, die für den schlecht erklärlichen  Ersten Weltkrieg gehandelt werden, zu vergleichen. Insgesamt kommt es also ohne den Erfolg der Hilfe Essener Kruppangestellter zum Krieg. Wer hatte neben den Briten noch Motive?

 

    

      

     So wird der Krieg gegen Russland begeistert begonnen. Krieganleihen werden gezeichnet und wer sich nicht daran beteiligt, wird schlecht angesehen. Als die Oma von Dorothee Zeemann, Herrschaftköchin in Wien, verkündet, dass sie ihr Geld lieber in Gold steckt, wird ihre Enkeltochter geschnitten. Dorothee Zeemann: Einübung in Katasthophen,Suhrkamp

Hier ein Wiener Plakat vom Flomarkt, das durch seine Modernität erstaunen lässt. 

     In Kray-Leithe gibt es wahrscheinlich nicht viele Menschen, die so klug sind wie diese Herrschaftsköchin am Hof der Habsburger. So wird dieser Krieg nicht mehr durch Münzverschlechterung, sondern mit Zustimmung des des Reichstages finanziert durch einen großen Teil der Bevölkerung finanziert. Die als mündelsicher gepriesenen Anleihen zeichnen viele, die es besser wissen müssten. Und noch mehr Ahnungslose. 

     Auch Künstler wie Martin Lehmann beteiligen sich an der Gestaltung der Plakate.

    1915 zeichnet der Turnverein TKV aus Kupferdreh das Vereinsvermögen von 200Mark. Vor Kriegsende ist das dann Geld so knapp, dass man sogar an das Geld der Schulkinder zu kommen versucht.

    Auf einer Feldpostkarte von 1918 wird die Schuljugend mit folgenden Versen angedichtet:

Alle bis zur letzten Rheie

zeichnen freudig Kriegsanleihe.

Klüger als manch`grosse Leute

zeigen sich die Kleinen heute.

 

    Als das Zweite Deutsche Reich Lenin und sein Umfeld auf Anregung des Finanziers Alexander Parvus zur Schwächung Russlands in seine Heimat einschleusst und Lenin tatsächlich an die Macht kommt, ist das Deutsche Reich seinen Zielen nahe und die Spekulation auf Kriegsgewinne scheint aufzugehen. Siehe Geheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution von Elisabeth Heresch 2000.  

    Lenin und seine Mannen verhelfen den Deutschen zu dem sehr vorteilhaften Frieden von Brest-Litowsk und sie, nicht der erst später wichtig werdende Stalin (Dsugajew), ermorden die Zaren und beginnen mit der Ausrottung von Menschen, die sie dazu erst mit Worten in die Kategorie Untermensch stopfen.  

   Der Frieden von Brest-Litowsk ist äußerst ungünstig für die Russen und der Griff auf den Kaukasus scheint möglich. In den Wirren des Russischen Bürgerkriegs erreichen die Georgier die Unabhängigkeit. Die Sozialdemokraten werden mit etwas 80% der Stimmen an die Regierung gewählt. 

     Auch für Deutschland endet der Krieg im Schrecken. Anschließend sieht Deutschland fast so aus wie Tschiatura heute. Ob die Kaukasischen Rohstoffe  der Reichsführung Appetit auf den Krieg gemacht haben? Der Sieg von 1871 die Menschen übermütig gemacht hatte?

    Nicht nur das persische und das türkisch/irakische Öl sind verloren. Auch an die rumänischen Ölquellen bleiben verschlossen. Die Manganminen der Gelsenkirchener Bergwerks AG kommen bald unter sowjetische Bewirtschaftung und  Georgien kann sich nur kurz einer eigenen Republik erfreuen. Es fällt bald in die Hände der Sowjetunion, die die Großrussische Politik der Zaren unter Stalin fortsetzt.

   Denn Lenin schickt Soslan Dsugajew, der sich damals Joseph Dschugaschwili und jetzt Stalin nennt, und Sergo Ordschonikidse nach Georgien. Mit Waffengewalt stürzen sie die gewählte Regierung und jetzt wie später rächt sich Stalin an den georgischen Sozialdemokraten, die in Russland auch später in den Konzentrationslagern überrepräsentiert sind. Siehe auch Nathan Steinberger. Berlin, Moskau, Kolyma und zurück. Edition ID-Archiv Berlin Amsterdam, 1996

     In Tschiatura nimmt der Augustaufstand, der letzte große Kampf der Georgier gegen die Bolschewiken seinen Ausgang. Wie man weiss, ohne Erfolg. Später erhalten einige der Überlebenden Asyl in Deutschland, die die Kämpfe der georgischen Sozialdemokraten schildern. Siehe auch "Stalin und das Unglück Georgiens" von Joseph Iremaschwili, Berlin 1932

     Erholt haben die Georgier in Tschiatura von dem letzten Jahrhundert immer noch nicht. 1992 ist die Gas-, Wasser und Stromversorgung zusammengebrochen. Strom gibt es seit 2004 wieder. Das Gas- und Wasserleitungsnetz ist inzwischen völlig verrottet. Wasser fließt alle 3 - 5 Tage für etwa 30 Minuten. Trinkwasser muss in Kanistern aus Quellen und einigen wenigen Brunnen in der Stadt herbeigeschafft werden. Wohnungen, auch in Hochhäusern, werden mit Holzöfen beheizt. Durch diese Situation hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert.

Ähnlich wie damals in Tschiatura sieht es nach dem ersten Weltkrieg in Kray aus. Bomben sind nicht gefallen, aber Hoffnung ist rar. 

 

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Fortsetzung folgt

 

 

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